Illustrierter Braunauer-Kalender für das Jahr 1904 - Page 99

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Illustrierter Braunauer-Kalender für das Jahr 1904
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Kalender und Adressbuch für die Gerichtsbezirke Braunau, Mauerkirchen, Mattighofen und Wildshut.
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99
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95 (Arabian)
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urn:nbn:at:AT-OOeLB-1233629
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95 herzlichen Wünsche selten auch wirklich vom Herzen. Der Religionsprofessor, der älteste der Herren, hatte sein Votum in der Sache noch nicht abgegeben. Daher drängten ihn die übrigen Herren, sich.ebenfalls darüber auszusprechen. Statt einer direkten Antwort bat er um die Erlaubnis, eine kurze Erzählung zum Besten geben zu dürfen. Es handle sich um die Person eines ehemaligen einflußreichen Ministers, seines gewesenen Studienkollegen. Er erzählte: Neujahrsnacht eines Einsamen. Erwin von Felsen war aus „gutem Hause". Er hatte eine vorzügliche Erziehung genossen in seiner Jugend. Die besten Lehrer wurden gerufen und gut bezahlt, um den talentvollen strebsamen Jungen in die Anfänge und später in die bedeutendsten Zweige des Wissens einzuführen. Unter diesen, lediglich auf Geistesbildung berechneten Einflüssen entfaltete auch Erwins Geist seine Flügel zu höherem Schwünge. Es war vorauszusehen, daß aus dem Jungen einmal ein bebrütender Gelehrter, ein einflußreicher Staatsmann werden würde, wenn, um prosaisch zu reden, der Tod nicht einen Strich durch die Rechnung mache. Als Erwin älter, urteilsreifer geworden war, warf er sich mit allem Eifer auf das Studium der Philosophie. Diese sollte einmal seine Führerin, sein Schutzgeist werden auf dem steilen Wege zum irdischen Parnasse. Nur was seinem hohem Geiste genügte, ward alles hehres Erbe der Vergangenheit und Gegenwart gewürdigt. Herz und Gemüt gingen leer aus. Seine Mutter hatte er frühzeitig verloren und seine zweite war keine Mutter. Sein Vater, selbst in hoher, staatsmännischer Stellung, kannte kein.anderes Ziel für den Sohn, als ihn in der Welt einmal zu den höchsten Würden und Ehren emporsteigen zu sehen. Erwin hatte feine Staatsprüfungen mit Auszeichnung absolviert; er war Doktor juris und philosophiae. Als er am Neujahrsmorgen zum Vater gratulieren kam, sagte dieser zu ihm: „Ich danke dir für die dargebrachten Glückwünsche. Wenn auch ich meine Wünsche anssprechen darf, so gehen sie dahin, daß du eigentlich erst recht dort anfängst, wo ich aufhöre, aufhören werde müssen; denn meine Kräfte schwinden. Dazu gehört Bildung, reiches Wissen, ein klarer Kopf und möglichst wenig Herz. Was den Flug zur irdischen Höhe hemmen kann, muß beseitigt werden. Ich habe in meinen jungen Jahren auch dem Herzen Rechte einzuräumen geglaubt, ich habe deine Mutter geheiratet Ich habe bald darnach eingesehen, daß ich mich getäuscht — mich und deine Mutter und es hat nur das eine Gute gebracht — meine Erfahrungen, meinen Ehrgeiz, meinen .... Geist habe ich auf dich übertragen und du wirst mehr erreichen, . . . glücklicher sein, als ich es war. Du wirst auch der Erbe eines bedeutenden Vermögens sein und mit deinem Geiste und (Selbe kannst du dir den Aufstieg zur höchsten Ruhmeshalle erringen. Ich habe in meiner Jugend zu viel Zeit vertändelt, sie geht mir jetzt ab und läßt sich nicht mehr einbringen. Du stehst in deiner Jugend schon auf dem goldenen Siege zum höchstmöglichen Glücke. Reiche dem Glücke die Hand und strebe aufwärts zur lichten Höhe des Ruhmes. Der Geist allein tut's, das Herz gilt nichts." Seitdem waren viele Jahre vergangen. Der Vater lag in der schönen Gruft, der Sohn stand auf sonniger Höhe des Glückes, des Ruhmes. Er galt als Gelehrter wie als Staatsmann gleich viel; Herz besaß er freilich keines. Neider und Feinde, Schmeichler und ehrgeizige Schmarotzer, die in seinem Lichte selber glänzen und höher zu steigen hofften durch ihn, hatte er genug. — Freunde — keinen. Die geistige Aufregung, die vielen Nachtwachen und Studien hatten langsam seine Gesundheit untergraben. Sein ganzes Nervensystem war zerrüttet. In der Nacht besonders machte sich das Herz geradezu unheimlich bemerkbar, der Schlaf war ein verworrener, langer Traum, aufregend und wenig erquickend. Darum wurde die : 1 . : 1 m I
 
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