Illustrierter Braunauer-Kalender für das Jahr 1904 - Page 96

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Illustrierter Braunauer-Kalender für das Jahr 1904
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Kalender und Adressbuch für die Gerichtsbezirke Braunau, Mauerkirchen, Mattighofen und Wildshut.
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96
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92 (Arabian)
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urn:nbn:at:AT-OOeLB-1233596
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92 Und sie beschlossen, es diese Nacht noch sein zu lassen. Aber im Stillen dachten sie anders. Als sie ihre in den beiden entgegengesetzten Eckkammern gelegenen Schlafstätten aufsuchten, hielt Vater wie Sohn ein kurzes Selbstgespräch: „Guter Vater, " sagte zu sich selber Ludwig, „die heutige Nacht darfst du noch ruhig schlafen. Es werden noch genug Tage der Angst und Sorge, Nächte der Unruhe kommen und du wirst alt. Ich werde allein wachen." Und er nahm aus dem Schranke sein Gewehr, das er putzte und lud und liebkoste wie einen lange entbehrten Schatz. Der Alte aber stand in seiner Kammer lange vor seinem Fensterlein und blickte in die dunkle Nacht hinaus. „Junge Leute lieben den Schlaf," dachteer, „und mein Ludwig ist jung. Mag er noch schlafen, bis die Not auch ihn zwingt. Einstweilen will ich allein besorgen, was gegen den bösen Juczi Gera nötig ist. Ich bin noch stark genug, um es nötigenfalls auch mit einem Räuber aufzunehmen, der noch weniger lange die Sonne der Karpathen geschaut hat als ich." Und er lachte still fröhlich vor sich hin, während seine Hand sorgsam über den Lauf des alten Gewehres strich, das ein ganzes Leben lang sein treuer Begleiter in vielen Nöten und Jährlichsten gewesen. Die Nacht lag dunkel und bleischwer über dem Hofe. Kein Blatt regte sich, kaum daß hin und wieder ein leiser Hauch durch die Lüfte ging. Selbst die Tiere des Waldes schienen unter dem Banne dieser Stille zu liegen. Langsam und schwerfällig schlichen die Stunden dahin. Jener Teil des Gehöftes, welcher dem Walde zugekehrt lag, war von demselben durch einen rohen, aber starken Holzzaun getrennt. Schmale Holztüren führten hinaus in das Freie. Vor einer derselben lehnte Ludwig, das Gewehr im Arme, regungslos wie eine Statue. Vergeblich suchten seine Augen sich im Dunkel zurechtzufinden. Er mußte das Ohr Wache halten lassen, sein geübtes, durch den beständigen Aufenthalt im Freien geübtes Ohr. Länger als eine Stunde hatte so der freiwillige Wachtposten gestanden, ohne daß ein verdächtiges Geräusch seine Aufmerksamkeit erregt hätte. Die Gedanken des jungen Mannes nahmen allmälig eine andere Richtung. Sie schlichen hinaus, weit hinaus in die Ebene. Dort saß ein schwarzäugiges Mädchen bei einem alten Onkel. Das Dirnlein hatte ihn lieb gehabt und er sie. Er hatte ihr das einmal gesagt, aber der Trotzkopf hatte, sich zierend nach Mädchenart, ihm ins Gesicht gelacht. Da war der Stolz des Karpathenkindes erwacht. Von dieser Stunde an ging er an ihr vorüber, ohne sie zu kennen. Und sie sah auch an ihm vorbei. Immer bleicher wurden ihre Wangen und stets größer die Schatten auf dem Angesichte des jungen Mannes. Aber stolz, eigensinnig und trotzig blieben die verliebten Leutchen fern, jedes vor der Welt und vor sich selbst den Gedanken einer Annäherung entschieden zurückweisend — und jedes int Stillen überzeugt, daß noch die Stunde des Wiederfindens kommen müsse. So umkreisten die Wünsche und Hoffnungen Ludwigs das ferne Haus in der Ebene. Jetzt horchte er auf. Schon einige Male hatte es durch die Luft geklungen, als schlügen Hunde an — anfangs leise, dann immer vernehmlicher. Zuerst konnte es eine Täuschung sein, dann vielleicht eine zufällige Regung der treuen Tiere. Zuletzt aber mußte sich Ludwig sagen, daß ein Irrtum nicht mehr möglich sei. Es ging ein absonderliches Geräusch durch die Luft. Dasselbe kam vom Walde her. Jetzt klang es wie das Huschen leiser vorsichtiger Tritte, dann wieder das Knicken gebrochener Zweige. Nach jedem Knicken trat eine Pause ein, dann wurden die Schritte wieder vernehmlich. !-
 
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