Illustrierter Braunauer-Kalender für das Jahr 1904 - Page 91

Book title
Illustrierter Braunauer-Kalender für das Jahr 1904
Book description
Kalender und Adressbuch für die Gerichtsbezirke Braunau, Mauerkirchen, Mattighofen und Wildshut.
Consecutive pagination
91
Original pagination
87 (Arabian)
Advertising page
no
Category
Body
URN
urn:nbn:at:AT-OOeLB-1233549
Content
87 „Hast zu wenig laut geschrieen," wandte er sich ärgerlich zu Bärbel, „der Wirt ist sicher taub und hört nicht gut. Aber nun will ich schreien! Gib her das Ding!" Wie ein Wütender brüllte er auf den Apparat los : „Zwei Glas Bier möchten wir, aber schnell!" Aber auch diese Aufforderung erwies sich als nutzlos. Der Wirt schien wie verbort zu sein. Das brachte den Tonibauer in helle Wut, zumal er sah, daß sämtliche Augen auf ihn gerichtet waren und ein wahres Höllengelächter losbrach. „Zwei Glas Bier her!" schrie er noch einmal und als wieder niemand kam, riß seine Geduld. „Himmelkreuzelement! Willst mich zum Narren halten, dummer Strohkopf?" fluchte er, „ich werd dir's gleich zeigen!" — und im nächsten Augenblicke versetzte er dem Telephon einen so gewaltigen Schlag, daß dieses laut klirrend au den nächsten Baum flog. Im Zurückschnellen prallte dasselbe an seiner Nase an, daß der arme Tonibauer nicht anders glaubte, dieselbe sei weggeflogen. Er versicherte sich schnell, ob der betreffende Körperteil noch an seinem Flecke saß, wobei ihm entging, daß ein scharfes, kurzes, abgebrochenes Leuten erklungen war. Während er noch seine schmerzende Nase hielt, kam schon ein Kellner herbeigeeilt und fragte nach dem Begehren der neuen Gäste. Allen Schmerz vergessend, ließ der Tonibauer die Nase los und stemmte seine beiden Fäuste auf den Tisch, daß derselbe knackte. Dann schnaubte er den Kellner wütend an: „Gar nichts will ich mehr! Aber das eine freut mich schon, daß du endlich Füß kriegt hast, Faulenzer nichtsnutziger! Ist dir's Geld von unsereinem nichts wert, daß du einem Lung und Leber herausschreien läßt, eh dich rührst, du Tagedieb! Aber gelt, die telephonische Watschen hast g'spürt? Die hat dich auf die Bein gebracht? Und nun stehst da, wie ein Trottel, dem die Hühner 's Brot gefressen haben? Ich will dirs gar nicht verheimlichen, wer dir eins vor die Ohren versetzt hat! Ich wars selber und für die Zukunft merk dirs, du Lümmel, daß ein Bauer mit dem Telephon tüchtig Watschen versetzen kann. So und jetzt gehn wir! Ein anderer Wirt hat auch noch ein gutes Glas Bier und läßt sich sicher nicht so drum betteln als du!" ! Damit stand der Tonibauer auf und verließ mit seiner Begleitung den Gastgarten, im Herzen das Gefühl, jemanden einmal gründlich heimgeleuchtet zu haben. Der Kellner, der offenbar den Bauern für einen Narren hielt, stand erst eine Weile wie versteinert da und erst als ihn die Anwesenden über den Vorfall aufklärten, stimmte er mit ein in das schallende Gelächter. Der Tonibauer schloß sein Geschäft glücklich ab und kehrte hierauf in sein Heimatdörfchen zurück, wo er den Nachbarn sein Abenteuer erzählte. Erst nach langem Bemühen gelang es dem Schulmeister, ihn aufzuklären, daß er das Opfer eines Spasses geworden war. Seitdem heißt der Tonibauer der „telephonische Toni". Wir raten aber niemanden, ihn mit diesem Namen anzusprechen, denn der Betreffende könnte statt der telephonischen, sehr leicht eine wirkliche Watschen zu fassen bekommen. < m lipe)
 
Feedback

Feedback

Please tell us your opinion!