Illustrierter Braunauer-Kalender für das Jahr 1904 - Page 89

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Illustrierter Braunauer-Kalender für das Jahr 1904
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Kalender und Adressbuch für die Gerichtsbezirke Braunau, Mauerkirchen, Mattighofen und Wildshut.
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urn:nbn:at:AT-OOeLB-1233524
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1 85 tragen gedenke. Die Aussicht, ein gutes Geschäft zu machen, ließ Toni nicht lange ruhen und so machte er sich reisefertig, packte ein tüchtiges Stück Speck und einen Keil Brot ein, welche unentbehrlichen Ausrüstungsgegenstände Bärbel in einem großen Korb wohl verwahrte. Nun gab's aber ein gewaltiges Hindernis: Wer sollte den Korb tragen? Als Geschäftsreisender konnte er sich mit einem solchen Ungetüm doch nicht schleppen; was würden denn die Leute in der Kreisstadt von ihm denken? Da gab's keinen andern Ausweg, als die Bäueiin mitzunehmen. Diese, ein einfaches, bescheidenes Weibchen, konnte sich zwar lange nicht dazu entschließen, aber als ihr der Mann alles so schön und herrlich vormalte, gab sie nach und willigte ein. Ein paar Stunden später bestieg das Ehepaar den beinahe versäumten Zug und fort ging's, daß die Schienen dröhnten und der Wagen, in welchem sie Platz genommen hatten, laut ächzte und knarrte. Endlich waren sie am Bestimmungsorte. Nach vielem Hin- und Herfragen waren sie aus dem Bahnhof herausgekommen, nicht ohne daß es manchen derben Fluch über das Korbungeheuer der Bäuerin abgesetzt hatte. „Jetzt gehen wir aber zuerst in einen feinen Gasthaus garten," sagte der Toni und zog die widerstrebende Bärbel hinten nach. Nach vieler Mühe und immerwährendem Fragen, wobei er bald an den, bald an den anrannte, hatte der Toni-6auer endlich den gewünschten Ort gefunden. Unter schattigen Kastanienbäumen standen unzählige weißgedeckte Tischchen, die zum größten Teile mit Gästen besetzt waren. Nach einigem Umherstehen aber hatte der Tonibauer einen bequemen Platz entdeckt, auf welchem das Ehepaar sich's bequem machte. Bärbel nahm den Korb zur Hand und entnahm der tiefsten Tiefe desselben den geräucherten Schinken und das Brot, welches sich beide wohl munden ließen. Die ungewöhnlich lange Fahrt, sowie das vertilgte Essen hatten den Tonibauer auch recht durstig gemacht und da er keinen Kellner sah, begann er bald unruhig auf seinem Stuhle hin und herzurücken. In geringer Entfernung saßen zwei Damen an einem Tische, welche das Ehepaar schon seit längerer Zeit beobachteten und weidlich über dessen Manieren ihre Witze machten. Eine der Damen schien wohl zu ahnen, was dem Tonibauer fehle und deshalb stand sie auf und schritt zu dem Tische der Beiden. „Wenn Ihr etwas trinken wollt," sagte sie, „so müßt Ihr klingeln." Dabei machte sie den Tonibauer auf die über jedem Tische baumelnde elektrische Klingel aufmerksam, welche, wenn in Betrieb gesetzt, dem Kellner anzeigt, bei welchem Tische geläutet wurde. Sofort wollte der Tonibauer aus Leibeskräften an dem Drahte reißen, als ihn die Dame noch rechtzeitig aufmerksam machte, daß er es mit einer elektrischen Klingel zu tun habe. „Aha, etwas Elektrisches," meinte der Tonibauer, mit dem pfiffigen Gesichte, das er jemals gezeigt hatte. „Da schau Alte, zu was man alles kommt, wenn man in die Stadt geht; was Elektrisches? Am End ist's gar so ein Telephon, von dem der „Telegraphenherr" erzählt hat?" Mit Furcht und Neugierde betrachtete er das seltsame Ding und um sich zu vergewissern, ob er mit seiner Meinung recht habe, wandte er sich an die Dame mit der Frage, ob dies ein Telephon sei. „Freilich ist's ein Telephon", erwiderte diese lächelnd, indem sie ihrer Tischgenossin einen verstohlenen Wink gab, nichts zu verraten. Der Tonibauer erglänzte im ganzen Gesichte voll freudiger Ueberraschung. Aber gleich darauf stieg die Zornesröte in ihm auf, denn er dachte an seinen prozeßsüchtigen Nachbar zu Hause. Kruzitürken, wenn der da wäre! Den würde er gehörig „abtachteln". Allein derselbe war eben nicht da und so mußte der Tonibauer I I I
 
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