Illustrierter Braunauer-Kalender für das Jahr 1904 - Page 80

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Illustrierter Braunauer-Kalender für das Jahr 1904
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Kalender und Adressbuch für die Gerichtsbezirke Braunau, Mauerkirchen, Mattighofen und Wildshut.
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80
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76 (Arabian)
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urn:nbn:at:AT-OOeLB-1233436
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T 76 Ein dumpfer Schmerzenslaut entrang sich seiner Brust, er Irat, nach Fassung ringend, an das Fenster des Vorzimmers, die Stirn an die kalten Scheiben pressend. Seine Frau trat an seine Seite, Tränen des Mitleids in den Augen. Sanft legte sie die Hand auf den Arm des erschütterten Mannes. Sie wußte ja nur zu gut, was ihn bewegte, wußte, mit welcher Innigkeit er dereinst jene Frau geliebt hatte, die seine Braut gewesen war und ihn verraten und betrogen hatte um seines besten Freundes willen. Sie wußte, daß er sie nie vergessen, daß er unter ihrem Verrat unendlich schwer gelitten hatte. „Armer Arthur/' flüsterte sie, „was steht Dir nun bevor!" Er nickte und küßte ihre Hand. „Du bist ein Engel, Klara," flüsterte er, „es war die plötzliche Nachricht und .dazu der Anblick des so dürftig gekleideten Kindes, was mich so erschütterte. In welcher schrecklichen Lage muß sie sein und ich wußte es nicht." Er faßte sich gewaltsam und wandte sich dem Kinde wieder zu. „Ich komme natürlich mit Dir, Kleine. Armes Klärchen," sagte er dann mit trübem Lächeln zu seiner Frau, „nun wirst Du allein zu Elmer's gehen müssen, denn ich kann wohl nicht mehr zurückkommen, um Dich begleiten zu können, aber ich hole Dich dann von dort ab, das heißt," unterbrach er sich, „wenn mich die arme Kranke nicht allzulange in Anspruch nimmt; sollte ich zu lange ausbleiben, so wird Dich ja Freund Ebner zurückgeleiten." Frau Klara nickte ihm freundlich zu und er wandte sich zum Gehen. „Einen Augenblick," bat seine Frau und eilte in das Zimmer, um gleich darauf mit einem großen, warmen Tuch zu erscheinen, in das sie Kopf und Oberkörper des armen Mädchens hüllte. „So, Kleine," sagte sie freundlich, „sonst erfrierst Du ja auf dem weiten Wege." Das Kind küßte ihr mit dankbarem Blicke die Hand, ihr Gatte aber schloß sie in seine Arme. „Du gutes, liebes Herz," flüsterte er, sie küssend. Dann verließ er, gefolgt von dem Kinde, die Wohnung und schritt in den kalten Winterabend hinaus. Beim uächsten Standplatz nahm er einen Wagen, um rascher an's Ziel zu gelangen. Das Mädchen saß lautlos neben dem in seine trüben Gedanken Versunkenen, der all das Leid verratener Liebe, betrogener Freundschaft in der Erinnerung noch einmal durchkostete. Plötzlich fuhr er auf, wie von einem schrecklichen Gedanken erfaßt. „Und Dein Vater, Kind, wo ist er?" frug er das Mädchen. Tränen traten in des Kindes Augen und sie senkte traurig das Köpfchen. „Vater ist fortgegangen schon lange, schon bevor der kleine Arthur gekommen ist; wir wissen nicht, wo er ist. Seitdem ist auch die Mutter krank." „Der Elende!" murmelte er zwischen den Zähnen, „verlassen hat er sie in Mot und Elend." Dann wandte er sich wieder dem Mädchen zu, das ihn so lebhaft an die Mutter erinnerte mit den großen dunklen Augen in dem feinen schmalen Ge-sichtchen, das so blaß aus dem schwarzen Tuche hervorleuchtete. „Wie heißt Du eigentlich, Kleine," fragte er. „Gretchen," war die Antwort. „Und hast Du Noch mehr Geschwister?" „Nur ein kleines Brüderchen, unfern Arthur," entgegnete sie. Wieder versank er in sein schmerzliches Sinnen, bis der Wagen vor einem großen Hause hielt in einer stillen, entlegenen Gasse. Er bedeutete dem Kutscher, zu warten und trat mit Gretchen in das Haus. Das Kind schritt ihm voraus bis in Pas vierte Stockwerk und trat dann in ein kleines, dürftig erhelltes Zimmer, das .gerade nur das Nöthigste an Möbeln enthielt. Sein erster Blick fiel auf das ärm-
 
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