Illustrierter Braunauer-Kalender für das Jahr 1904 - Page 79

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Illustrierter Braunauer-Kalender für das Jahr 1904
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Kalender und Adressbuch für die Gerichtsbezirke Braunau, Mauerkirchen, Mattighofen und Wildshut.
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urn:nbn:at:AT-OOeLB-1233429
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LFê Gute Herzen. O i'jjÊ : Mr, z 1 -ê>' M. - f>' à- -Æ I à-r-2 VtíííCáfíffl&ity//// à weih nachts-LrzähIung von M Sophie Möhlhofer. i -/Z, ~ Z- '/ t - s=i M r M. ML PâM ^rrv/ii’-mv^ìvy % LU % y, SL -J» 'ÆS-fy V- Moktor Arthur Werner, der vielgesuchte, vielbeschäf-^ ^ tigte Arzt, und seine liebenswürdige Gattin traten soeben aus dem traulichen Wohnzimmer, um das Haus zu verlassen. Sie wollten, wie sie es schon seit einigen Jahren gewöhnt waren, erst der Christbescheerung bei einer befreundeten, reich mit Kindern gesegneten Familie beiwohnen, um dann den Rest des Abends wieder im eigenen, gemütlichen Heim, bei den strahlenden Lichtern des kleinen Bäumchens, das Frau Klara für sie Beide geschmückt hatte, zu verbringen. Sie hatten sich nun wohl schon dareingefunden, kein Kind ihr Eigen zu nennen, aber am Christabend sehnten sie sich trotzdem nach Kinderjubel und frohem Kinderlachen, ohne welches ihnen die Weihnachtsfreude nicht vollständig erschien. Sie hatten im Laufe des Nachmittags bereits zahlreiche Pakete zu ihren Freunden geschickt, um ebenfalls zur Bescheerung beizutragen und wollten sich nun auf den Weg machen, um die Ankunft des Christkindchens nicht zu versäumen. Frau Klara erteilte eben noch ihrem Dienstmädchen einige Aufträge, als plötzlitz leise und schüchtern an die Wohnungstüre gepocht wurde. Das Dienstmädchen öffnete und vor ihnen stand ein Mädchen von beiläufig zehn Jahren, ein blasses, zartes Geschöpfchen in einem dünnen, abgetragenen Kleidchen, zitternd vor Kälte, schwer atmend vom raschen Gang, das mit großen, dunklen, angstvollen Augen zu ihnen aufsah. „Was willst Du, Kind?" fragte der Doktor freundlich. Sie hob bittend die Hände. „Die Mutter läßt den Herrn Doktor bitten, sofort zu ihr zu kommen, sie ist «SÄ W 1 sehr krank." Ein Zug unmutiger Enttäuschung zeigte sich auf Frau Klara's hübschem Gesicht. Der Doktor aber, der das blasse Antlitz des Kindes, das eine dunkle Erinnerung in ihm wachrief, aufmerksam betrachtete, fragte: „Wo wohnt denn Deine Mutter, Kind?" Das Mädchen nannte eine weit entlegene Gasse. „Und da bist Du in der Kälte so weit gelaufen? Da hättest Du doch näher einen Arzt finden können." „Mutter will aber nur den Herrn Doktor Werner haben. Sie sagt, sie könne nicht sterben, ohne Sie gesprochen zu haben." Große Tränen traten bei diesen Worten in die schönen Augen des zitternden Kindes und die Stimme versagte ihr. Rasch war der Arzt an sie herangetreten und legte seine Hand auf ihre Schultern, eine dunkle Ahnung, die ihn schon beim Anblicke des Mädchens ersaßt hatte, ließ ihn erbeben. „Wie heißt Deine Mutter, Kind?" fragte er mit stockender Stimme. „Helene Heim," antwortete das Kind leise, angstvoll zu ihm aufsehend.
 
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