Illustrierter Braunauer-Kalender für das Jahr 1904 - Page 75

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Illustrierter Braunauer-Kalender für das Jahr 1904
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Kalender und Adressbuch für die Gerichtsbezirke Braunau, Mauerkirchen, Mattighofen und Wildshut.
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71 (Arabian)
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urn:nbn:at:AT-OOeLB-1233388
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71 3 Wie Frau Ursula Griesmeier sich wegen eines fehlenden Semdknopfrs verteidigt. „Nun, ich hoffe, daß der Herr Griesmeier jetzt weniger üblen Humors sind, als heute morgens. Dann brauchst du aber nicht zu pfeifen; man legt sich njcht nieder, um ein Konzert im Bett zu geben. Aber so bist du. Ich darf kein Wort mehr sagen, ohne daß du gleich grob gegen mich wirst. Sonst war ich gewöhnt, dich das beste Geschöpf der Welt zu nennen; aber so sehr hast du dich geändert, daß du jetzt ein wahrer Dämon bist. „Ich soll dich in Ruhe lassen?" Ich mag aber nicht. Ich habe sonst keine Zeit, mit dir zu sprechen und du mußt mich hören. Wenn man den ganzen Tag, so wie ich, eingespannt ist, freut man sich auf abends, um sich erholen zu können; das wäre nun nicht übel, wenn ich auch abends nicht mehr sprechen dürfte. Es geschieht mir so nicht oft, daß ich den Mund aufmachen kann, am Ende verlerne ich noch das Reden ganz. Weil dir einmal im Leben ein Knopf an deinem Hemde gefehlt hat, brauchst du da gleich so fluchen, daß das ganze Haus zittert? „Du hast nicht geflucht?" O du weißt eben nicht, was du tust, wenn du in der Wut bist. „Du warst nicht in Wut?" Du warst es nicht? Nun dann weiß ich nicht, was Wut ist und ich meine doch, ich sollte es jetzt wissen. Ich habe lange genug mit dir gelebt, um es durch dich zu erfahren. Schade, daß du dich nicht über etwas Ernstlicheres zu beklagen hast, als über das Fehlen eines Hemdknopfes. Wenn du von gewissen Frauen eine geheiratet hättest, so würdest du ganz andere Sachen haben, dich zu beklagen. Ich bringe den ganzen Tag die Nadel und den Faden nicht aus der Hand, denn an dir und den Kindern gibt es immer etwas zu flicken. Und wird dafür gedankt? Ja, wenn einmal in deinem Leben an deinem Hemde ein Knopf fehlt, dann gibt es gleich ein gewaltiges Geschrei. Ich sage est mal, zweimal oder höchstens dreimal wird dir ein Knopf gefehlt haben! Ich behaupte, daß kein Mann auf Erden in dieser Beziehung von seiner Frau sorgfältiger behandelt wird, als du von mir. Ich hätte nur die Hemden aufheben sollen, die du vor unserer Verheiratung trugst. Ich möchte wissen, wie viele Köpfe an diesen noch zu finden wären! „Es ist nicht der Mühe wert, darüber zu sprechen?" O doch, mein Herr, ich finde es sehr der Mühe wert! Aber so machst du mirs immer. Du wirst über jede Kleinigkeit wülend und wenn ich dann nur ein Wort sagen will, um mich zu verteidigen, so sagst du, es sei nicht der Mühe wert, etwas darüber zu sprechen. Wenn es nicht der Mühe wert ist, darüber zu reden, warum findest du es dann der Mühe wert, darüber in eine so tolle Wut zu kommen? Aber ihr Männer behauptet immer, daß das Recht auf eurer Seite sei und ihr müßt immer das letze Wort haben; eine arme Frau hat nie die Erlaubnis, sich zu rechtfertigen. Ah, du hast eine hübsche Idee von den Pflichten einer Frau, wenn du glaubst, daß sie nur an die Knöpfe ihres Mannes zu denken habe. Ja und eine hübsche Idee von der Ehe überhaupt. Gott, wenn die Mädchen wüßten, mit was allem sie sich als Frauen zu befasstn haben, zuerst mit den Knöpfchen, dann mit diesem und jenem Ding! Sie würden sich nie, selbst nicht mit dem besten Manne der Welt einlassen, ich gebe meinen Kopf zum Pfände. „Was sie dann anfangen würden?" — Jedenfalls hätten sie es zehnmal besser, wenn sie ledig blieben. Ich glaube übrigens, daß der Knopf gar nicht fehlte, sondern daß du ihn absichtlich ausgerissen hast, um einen Grund zum Zanken zu haben. O du machst dir ja ein Vergnügen daraus, um nichts und wieder nichts zu zanken. Ich sage nur so viel, daß es sehr seltsam ist, daß der Knopf fehlte, ja, in der Tat, sehr seltsam, denn es ist keine Frau mehr die Sklavin der Knöpfe ihres Mannes, als ich. Ich wiederholte es, ich finde es äußerst seltsam. ¦ 1
 
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