Illustrierter Braunauer-Kalender für das Jahr 1904 - Page 74

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Illustrierter Braunauer-Kalender für das Jahr 1904
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Kalender und Adressbuch für die Gerichtsbezirke Braunau, Mauerkirchen, Mattighofen und Wildshut.
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74
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70 (Arabian)
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urn:nbn:at:AT-OOeLB-1233375
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70 Das sagst bu, aber wer kann mich zwingen, es zn glauben? Ihr Männer seid alle lebendige Bierfässer und du bist ein Faß von zu großen! Umfange, als daß nicht mehr als zwei bis drei Gläser in dich hineingingen............Pfui! Schon wieder dieser Tabak! Es ist das reinste Gift, welches ich einsauge! Du willst mich also auf diese Art ums Leben bringen? Mein Gott, was soll aus den Kindern werden, wenn ich nicht mehr bin! Was wird derjenige für sie sein, der ihre Mutter ver- Aber warte nur, lasse mich nur erst begraben sein, dann wird dein giftete! Gewissen erwachen! Ja, ich sehe voraus, wie alles kommen wird. Du hast einmal den Fuß in ein Wirtshaus gesetzt und wirst nun dein halbes Leben in Wirtshäusern zubringen. Du wirst alle Nächte mit einem Rausch nach Hause kommen, wirst unterwegs hinfallen, dir ein Bein brechen oder eine Achsel luxieren und so deiner Familie alle mögliche Schande und unabsehbare Ausgaben verursachen. Und dann wirst du in Raufereien kommen; ich kenne ja deinen Charakter, du wirst in deiner Heftigkeit dich an einem Gendarmen vergreifen; man wird dich auf die Polizei bringen, prozessieren. Und was wird die Folge des Prozesses sein, wenn er noch so günstig für dich ausgeht? . . . Jedenfalls ein bis zwei Jahre Arbeitshaus ... ein hübscher Ort für einen Strumpfwirker und Familienvater und eine hübsche Beschäftigung, mit Dieben und anderem Gesindel Flachs zu spinnen! Da könnten die Kinder dann stolz auf ihren Vater sein, wenn man mit Fingern auf sie deutet und sagen wird: „Seht, das sind die Kinder vom Herrn Griesmeier, der im Zuchthaus sitzt!" . . . „Ich soll schlafen?" Nein, ich will nicht schlafen und wenn ich auch wollte,, ich kann es nicht! Kann man schlafen, wenn man solche Möglichkeiten vor Augen sieht? Wie ich prophezeie, so wird es auch Punkt für Punkt eintreffen. Wenn es nicht um die lieben Kinder wäre, könntest du dich ruinieren, so viel du wolltest, ich würde kein Wort darüber verlieren; aber wenigstens solltest du so viel Rücksicht haben, wenn schon einmal nachts herumgeschwärmt werden muß, nur in solche Wirtshäuser zu gehen, wo man nicht den schlechtesten Tabak raucht, damit den Kindern wenigstens die Mutter erhalten bleibt, wenn sich ihr Vater mutwillig ins Verderben stürzt. Die Wirtshäuser sind der Ruin der Männer. Keiner, der die Wirtshäuser besuchte, ist wie ein anständiger Mensch gestorben. Und wie dich dann deine Saufbrüder auslachen werden, wenn sie deinen Namen in den öffentlichen Blättern lesen werden! Denn daß dir dies noch geschieht, darauf wollte ich schwören. Ein schändlicher Bankerott ist unausbleiblich. Wer sollte auch noch bei einem Trunkenbolde Strümpfe und Schlafmützen kaufen wollen? Ich frage: Wer? „Du bist kein Trunkenbold?" Nein, aber du wirst einer werden, was ganz das nämliche ist. Aber wenigstens werde ich mich sicher stellen. Ich verlange Ausschluß der Gütergemeinschaft. Von mir aus ruinierst du dich; mein Vermögen aber soll den Kindern wenigstens gerettet werden oder warte, ich weiß noch ein Mittel. Warum sollst du in das Wirtshaus gehen und deine Frau nicht? Was du darfst, darf ich auch und wie du noch einmal ins Wirtshaus gehst, so wirst du mich dann nicht zu Hause finden. Ich werde auch in ein Wirtshaus gegangen sein. Schämen mußt du dich hernach . . . Pfui, der häß .'. . Hm, hm ... häß ... hm .. . häßliche Tabaksgeruch! „Somit", sagt Herr Griesmeier in einem Resumö dieser zweiten Predigt, „werde ich der Ueberzeugung meiner verständigen Frau zufolge ihr Mörder, weil sie durch den Tabaksgeruch erstickt; ... ich komme ins Arbeitshaus, weil ich mich gegen die Gendarmerie vergreife; ... ich mache Bankerott, weil niemand mehr bei mir einkauft, denn ich bin ein Säufer . . . weil ich mit einigen Freunden zwei Glas Bier trank!"
 
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