Illustrierter Braunauer-Kalender für das Jahr 1904 - Page 72

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Illustrierter Braunauer-Kalender für das Jahr 1904
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Kalender und Adressbuch für die Gerichtsbezirke Braunau, Mauerkirchen, Mattighofen und Wildshut.
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72
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68 (Arabian)
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urn:nbn:at:AT-OOeLB-1233355
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68 Unsere Babette hätte morgen zum Zahnarzt gehen sollen, um sich drei Zähne ausreißen zu lassen, die ihr Gesicht entstellen. Jetzt ist leider nicht daran zu denken. Ohne die drei Zähne wäre sie hübsch genug, um einen Grafen zu heiraten; wer wird sie aber wollen, wenn sie die drei häßlichen Zähne behält? Niemand. Wir werden sterben und sie allein, ohne Schutz, als eine alte Jungfer in der Welt zurücklassen. Aber das ist dir vollkommen einerlei; für dein Kind hast du kein Geld, denn du brauchst heute und wahrscheinlich auch morgen und übermorgen und alle Tage fünf Gulden, damit du sie deinen Freunden leihen kannst! Was? Dem Weber hast du sie geliehen, weil sein Kind krank und er in Not ist? Was geht dich denn das Kind des Weber an? Jst's vielleicht gar dein Kind? Du! Du warst immer so artig, wenn die Weberin kam, glaubst du, ich Hab' eure heimlichen Blicke nicht gesehen und nicht gehört, wie deine Stimme ganz anders klang, wenn du mit ihr sprachst? Du elender Mensch du, nicht einmal davor bin ich sicher, daß du nicht — o ich Unglückliche! Hätte ich jemals denken können, daß du es bis zum Ehebrecher----------Was? „Zu arg" wird dir das? Du willst auch noch brutal sein mit mir, ich sage dir, du sollst kein Wort reden ober ich schreie beim Fenster hinaus, daß du mich mißhandelst und umbringst. Du schüchterst mich nicht ein, wenn du auch brüllst. . . . Allerdings, jetzt hast du ganz still gesprochen, aber ich kenne diese verbissene, diese höhnische, satanische Gelassenheit, o Gott, was ich wegen dieser schlechten Person, dieser Weberin, auszustehen habe. Ich glaube gar, dir ist es nicht recht, daß ich sie beim rechten Namen genannt habe. Du scheinst sie also noch vertheidigen zu wollen. Versteht sich, ihr haltet zusammen, um mich zu martern, ihr hast du die fünf Gulden zugedacht. Jetzt weiß ich, wie ich daran bin, ich durchschaue alles. Schweig' oder ich schrei', was ich kann .... So, also du rechtfertigst dich nicht einmal? Du schweigst ? Du bekennst dich schuldig? Ignaz, Ignaz, dich hat Gott wohl ganz verlassen . . . „Somit", sagte Herr Griesmeier in einem Kommentar, den er dieser ersten Gardinenpredigt seiner Frau beifügte, „konnte meine Urft, die gute Seele, sich keinen Shawl kaufen, meine Mädchen mußten auf neue Hüte verzichten, der kleine Hans war in Gefahr wegen einer zerbrochenen Fensterscheibe sterben zu müssen; die Feuerassekuranz blieb unerneuert und deshalb stand der ganzen Familie das Verbr-nnen bevor. Außerdem drohte meiner guten Frau der Erstickungstod durch den Rauch im Zimmer, während uns eine Maus schlaflos machte und Räuber ausplünderten, wodurch das Los unserer Babette noch trauriger werden mußte, da sich nach unserer gänzlichen Verarmung wegen ihrer drei übereinander stehenden Zähne dem unglücklichen Schicksale einer hilf- und schutzlosen alten Jungfer preisgegeben war. Und schließlich stehe ich im Lichte der Treulosigkeit. Und dies alles, weil ich fünf Gulden ausgeliehen hatte!" . . . 2. Herr Griesmeier ist mit einem Freunde in ein Wirtshaus gegangen, was ;ur Folge hat, daß seine Frau durch den Gabalrsgeruch vergiftet wird. „Bei Gott, ich weiß nicht, wie die Mädchen so dumm sein können, Frauen werden zu wollen! Ich glaube übrigens, es würde keine heiraten, wenn sie nur die Hälfte von dem wüßte, was eine Frau im Ehestand zu leiden hat. Eine arme Frau muß sich glücklich schätzen, wenn sie wie ein Aschenbrödel am Herde sitzen kann, während der Herr Gemahl in den Kneipen herumzieht, sich voll trinkt und mit lüder-lichen Gesellen die abscheulichsten Lieder singt." „Du singst nie?" Wer steht mir dafür, das du nie singst? ... Du sagst es freilich, weil du weißt, daß ich dich nicht hören kann; aber ich getraue mir zu behaupten, daß du zu den Ausgelassensten von allen gehörst. -
 
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