Illustrierter Braunauer-Kalender für das Jahr 1904 - Page 71

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Illustrierter Braunauer-Kalender für das Jahr 1904
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Kalender und Adressbuch für die Gerichtsbezirke Braunau, Mauerkirchen, Mattighofen und Wildshut.
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71
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67 (Arabian)
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urn:nbn:at:AT-OOeLB-1233341
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67 1. Herr Grirsmeier hat einem Freunde fünf Gulden geliehen. „Du mußt recht reich sein, Ignaz! Ich möchte wohl wissen, wer dir fünf Gulden leihen würde? Aber so geht es in der Welt: Eine Frau arbeitet sich halb zu Tod, ist angebunden wie ein Kettenhund und spart sich alles vom Munde weg und der Herr Gemahl geht mit dem Gelde um, wie wenn er es nur auf der Straße aufzuheben brauchte. Aber du warst von jeher ein Verschwender! Schon seit drei Jahren hätte ich einen Schal nötig, aber was liegt daran, wie ich gekleidet bin? Wenn mir die Fetzen herunterhängen, das ist dir ganz gleichgiltig. Alle Leute sagen, daß ich nicht so angezogen bin, wie.es mir als deiner Frau zukäme. Aber um so etwas kümmerst du dich nicht. Du spielst gegen alle Welt den Generösen, außer gegen die Deinigen. Ich wollte nur, daß dich andere Leute so kennen würden, wie ich dich kenne. Du bist stolz darauf, wenn man deine Freigebigkeit rühmt, aber deine arme Familie muß darunter leiden. Unsere Mädchen brauchen neue Hüte, aber woher sollen wir sie nehmen? Mit den fünf Gulden hätte ich sie samt den Bändern bekommen; nun aber können sie ihren alten forttragen. Uebrigens sind es ja deine Kinder, sie sind dein Fleisch und Blut und die Schande fällt also nur auf dich zurück. Du weißt vielleicht nicht, daß der kleine Hans heute früh ein Fenster zerbrochen hat. Ich wollte es zum Glaser schicken, aber nachdem du fünf Gulden ausgeliehen hast, wollte ich wetten, haben wir kein Geld mehr, um es machen zu lassen. Das Fenster bleibt also wie es ist, wir haben ja das schönste Wetter, um den armen Jungen bei offenem Fenster schlafen zu lassen! Er hat schon einen Husten und es würde mich nicht wundern, wenn diese zerbrochene Scheibe am Ende noch seinen Tod herbeiführen würde. Wenn der arme Junge stirbt, so fällt die Schuld seines Todes auf das Haupt seines Vaters, denn ich weiß gewiß, daß wir das Fenster nicht machen lassen können. Wie wäre es auch möglich, wenn man fünf Gulden wegschenkt? Morgen wäre die Polizze für die Brandassekuranz zu zahlen; ich möchte wissen, wie wir dies machen sollen? Die fünf Gulden hätten zweimal dazu hingereicht, aber jetzt ist natürlich vom Assekurieren keine Rede mehr. Und nie kamen so viele Feuer vor als jetzt! Ich werde die ganze Nacht hindurch nicht mehr schlafen können, aber was liegt dir daran, wenn es nur heißt: „Der Herr Griesmeier, der ist generös! Wer fünf Gulden haben will, der braucht nur zu ihm zu gehen!" . . . Deine Frau und fünf Kinder können alle miteinander lebendig in ihren Betten verbrennen, was uns noch ganz sicher passiert, weil wir die Assekuranz nicht erneuern können. Und nach so vielen Jahren, die wir versichert waren! . . . Aber wie kann man sich noch assekurieren, wenn man gleich fünf Gulden auf einmal zuni Fenster hinauswirft? Rauch ist auch im Zimmer. Freilich; ist es zu wundern? Schon seit wenigstens acht Tagen sollte der Ofen ausgeputzt werden . . . Pfui. Es ist zum Ersticken . . . Bah, was liegt meinem Herrn Gemahl daran, • wenn er mich morgen früh tot im Bette findet! Im Gegenteil, dann kann er erst recht das Geld fünfguldenweis aus-leihen und er wird sich freuen, meiner los zu sein. Hörst du die Maus, die im Zimmer umherläuft? ... Ich höre sie, ich! . . . Ich wollte, sie wäre groß genug, um dich aus dem Bette herauszureißen. „Man muß eine Falle aufstellen." Das ist allerdings das einfachste, aber wo das Geld hernehmen, um eine zu kaufen, wenn man alle Tage fünf Gulden einbüßt? Horch! . . . Höre ich nicht unten lärmen? . . . Es würde mich nickst wundern, wenn Diebe im Hause wären. Es kann vielleicht auch nur die Katze sein, aber die Diebe werden nicht ausbleiben. Die hintere Haustüre schließt sehr schlecht, aber kann man das Schloß richten lassen oder einen Riegel kaufen, wenn gewisse Leute fünf Gulden wie fünf Kreuzer ausgeben? . . 1 6* 3
 
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