Illustrierter Braunauer-Kalender für das Jahr 1904 - Page 61

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Illustrierter Braunauer-Kalender für das Jahr 1904
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Kalender und Adressbuch für die Gerichtsbezirke Braunau, Mauerkirchen, Mattighofen und Wildshut.
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61
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57 (Arabian)
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urn:nbn:at:AT-OOeLB-1233242
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57 gekehrt. Er verordnete außer den Medikamenten äußerste Ruhe und Schonung für den Kranken; nur auf diese Weise sei Besserung zu erhoffen. Das waren nun traurige Tage auf dem Lenzenhof. Die Bäuerin ließ ihrem Manne die sorgfältigste Pflege angedeihen; der Arzt sah täglich nach seinem Patienten, und auch der Pfarrer des Dorfes besuchte ihn, konnte aber nur im stillen Gebete die Genesung des Bauern erflehen und der Bäuerin Trost zusprechen; denn das Bewußtsein des Kranken wollte immer noch nicht wiederkehren. Die Arbeiten für den Hof mußten ganz den Dienstboten überlassen werden. Da wäre nun Sepp am Platze gewesen; aber er hatte nichts mehr von sich hören lassen, niemand wußte, wo er sei, und die Mutter weinte seinetwegen heiße Tränen. Endlich am vierten oder fünften Tage schlug der Bauer auf kurze Zeit die Augen auf, schloß sie aber dann wieder und lag wie leblos da. Solche Augenbicke kehrten nun immer öfter wieder, und Lenz wollte auch das Sprechen probieren; aber die Zunge gehorchte seinem Willen nicht. Es verging wieder einige Zeit, bis er imstande war, einzelne abgerissene Worte zu sprechen. Da er sich auch sonst besser erholt hatte, benützte nun der Pfarrer die Gelegenheit, dem Kranken seinen Zuspruch zu weihen und manchmal kurze Unterredungen mit ihm zu pflegen. Die Folge einer solchen Unterredung war, daß der Geistliche nach einigen Wochen nachstehende Aufforderung in das Kreisamtsblatt und mehrere andere Zeitungen setzen ließ: : „Der Bauernsohn Josef Obermaier vom Lenzenhof wird hiermit aufgefordert, unverzüglich zu seinem schwer erkrankten Vater heimzukehren. Auch alle Bekannten desselben, denen diese Aufforderung zu Gesichte kommt, werden ersucht, ihm davon Mitteilung zu machen." Einen Erfolg hatte dies jedoch vorläufig nicht. Sepp hatte den ganzen Winter über in der Sägemühle und beim Fuhrwerk tüchtig geschafft und sich die vollste Zufriedenheit seines Herrn erworben. Auch ihm sagte seine Stellung ganz gut zu; nur konnte er sich von der Niedergeschlagenheit nicht befreien, die ihm deshalb noch anhing, weil er von Cenzi gar nichts erfahren hatte, obwohl er keine Gelegenheit vorübergehen ließ, nach ihrem Aufenthalt zu forschen. Da erhielt er einmal im Frühjahr von seinem Herrn den Auftrag, eine Fuhre Bretter nach der Kreisstadt zu bringen, die reichlich neun Stunden weit von der Tobelmühle entfernt war. Er mußte daher zwei Tage auf dem Wege sein. Am ersten Tage lieferte er seine Bretter ab, und am nächsten Tage machte er sich mit seinem Fuhrwerk wieder auf den Heimweg. Er fuhr eben durch eine der Hauptstraßen und ging nachdenklich neben seinem Fuhrwerk her, da wurde ihm plötzlich mit den Worten: „Da lies!" ein zusammengelegtes Zeitungsblatt in die Hand gedrückt. Sepp faßte darnach und sah auf; da bemerkte er gerade noch, daß es eine Bäckermagd, mit mächtigen Brotkörben beladen, war, die ihm das Zeitungsblatt gegeben hatte. Eben wandte sie ihm nochmals das Gesicht zu. „Cenzi!" rief Sepp hocherfreut ans und wollte sein Fuhrwerk anhalten. Aber da wäre er bald in dem lebhaften Verkehr mit einem anderen entgegenkommenden Gefährte zusammengestoßen. Auf den Zuruf des Lenkers desselben mußte er nun seine ganze Aufmerksamkeit seinem Gespann widmen, und bis er sich wieder umsah, war Cenzi verschwunden. Sepp war durch diese Begegnung nicht wenig erregt und überlegte, was er nun tun wollte. Sollte er noch einmal hier bleiben und den Aufenthalt der Cenzi nachforschen? Aber da würde sein Herr über seinen und seines Fuhrwerks Verbleib zu sehr in Sorge sein. Sollte er jetzt gleich Erkundigungen einziehen? Da würde er wohl auch nicht mehr zurecht kommen. Also beschloß er endlich, so rasch wie möglich Pferde und Wagen nach Hause zu bringen und dann gleich wieder - :
 
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