Illustrierter Braunauer-Kalender für das Jahr 1904 - Page 60

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Illustrierter Braunauer-Kalender für das Jahr 1904
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Kalender und Adressbuch für die Gerichtsbezirke Braunau, Mauerkirchen, Mattighofen und Wildshut.
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56 (Arabian)
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urn:nbn:at:AT-OOeLB-1233233
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56 Cenzi war wirklich, wie die Base vermutet hatte, vor Tagesanbruch forgegangen. Sie wandte sich aber nicht dorthin, wo Sepp gedacht hatte, for dern ging ganz entgegengesetzt der Kreisstadt zu; denn dort hoffte sie am ehesten einen Dienst zu erhalten und verborgen bleiben zu können, bis Sepp — sie vergessen. Denn das wurde er doch mit der Zeit, dachte sie, wenn er keine Kunde von ihr erhielte. Und das wäre auch das beste. Was wollte er mit ihr, dem armen Bachschneiderdirnlein. Ihr Vater konnte ihr ja kein Vermögen mitgeben, und Reich gehört zu Reich, so ist's nun einmal Brauch. Sie hatte sich nicht einmal ihren Lohn sparen können; denn von sieben Geschwistern daheim war sie das älteste, und der Verdienst des Vaters war nicht so groß, daß ihm nicht ein Zuschuß willkommen sein konnte Aber vergessen wollte sie den Sepp nicht und beten wollte sie für ihn, daß ihn Gott glücklich werden lasse, urd wenn sie dann einmal von seinem Glück hörte, dann wollte sie sich darüber von Herzen freuen. Auf dem Lenzhof war es seit dem Weggange von Cenzi und Sepp recht ungemütlich geworden. Der Bauer war stets in gereizter Stimmung, und darunter hatten die Dienstboten nicht wenig zu leiden. Aber auch der Bauer und die Bäuerin litten selbst darunter. Letztere trug den geheimen Kummer um den fernen Sohn mit sich herum, getraute sich aber nicht, dem Vater gegenüber davon zu sprechen, um nicht seinen Zorn zu reizen. Dicsér aber fand die Schweigsamkeit seiner sonst so gesprächigen Ehehälse unleidlich, umsomehr, als er sich im stillen die Schuld daran beimessen mußte. So gingen die beiden fast stets mit sich beschäftigt nebeneinander her, in ihrer Unterhaltung sich auf das Notwendigste beschränkend. Das war ein langer, trübseliger Winter, und erleichtert atmeten alle auf, als der Frühling wieder ins Land kam. Da gab's nun doch tüchtige Arbeit und in ihr Zerstreuung und Vergessen. Besonders der Bauer gab sich den landwirtschaftlichen Beschäftigungen mit großem Eifer hin. Vom frühesten Morgen bis zum späten Abend war er überall dabei. Er hatte an Stelle seines Sohnes keinen Knecht eingestellt, sondern übernahm alle Arbeiten, die früher dieser besorgte, nun selbst, leistete noch manches andere dazu. Freilich kam es ihm manchmal hart an; aber das ließ er sich von keinem merken, sondern zwang sich immer wieder zu neuen Anstrengungen. Aber die Folgen dieser törichten Handlungsweise sollten leider nicht ausbleiben. An einem ziemlich warmen Frühlingstage hatte der Bauer wieder vom frühen Morgen an den ganzen Vormittag gepflügt. Die Dienstboten hatten sich schon um den Tisch zum Mittagessen versammelt nnd warteten darauf, daß der Hausvater das Tischgebet sprechen werde. Dieser erhob sich auch, aber anstatt des Gebetes brachte er nur einen gurgelnden Laut heraus und sank mit schwerem Aufschlag zu Boden. Die Anwesenden standen da wie erstarrt. Am ersten faßten sich die beiden Knechte; sie hoben den wie leblos Daliegenden aus und trugen ihn in die Kammer aufs Bett. Sie benetzten ihm Gesicht und Brust mit frischem Wasser. Ein tiefer Seufzer des Bauern zeigte, daß noch Leben in seinem Körper war. Nun fand auch die Bäuerin ihre Fassung wieder. Sie schickte sofort den einen Knecht zum Bader ins Dorf; den anderen hieß sie ein Pferd besteigen und nach dem Marktflecken zum Arzt reiten. Am ersten war natürlich der Bader am Platze. Er untersuchte den Kranken, stellte einen -schlaganfall fest, zugleich aber auch, daß das Leben des Bauern nicht bedroht sei. Er ließ ihm zur Ader und konnte versichern, daß sich wieder regelmäßige, wenn auch schwache Herztätigkeit eingestellt hatte. Später erschien dann auch der Arzt. Er erklärte, daß vorläufig keine Gefahr vorhanden sei, daß sich der Anfall wiederholen könne und dann wäre tötlicher Ausgang sicher. Die rechte Seite war gelähmt und das Bewußtsein noch nicht zurück-
 
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