Illustrierter Braunauer-Kalender für das Jahr 1904 - Page 58

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Illustrierter Braunauer-Kalender für das Jahr 1904
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Kalender und Adressbuch für die Gerichtsbezirke Braunau, Mauerkirchen, Mattighofen und Wildshut.
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58
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54 (Arabian)
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urn:nbn:at:AT-OOeLB-1233211
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54 zum Teil in den Rucksack, den er auf den Tisch gelegt hatte. Dann wechselte er sein Arbeitsgewand mit einem besseren und machte sich reifefertigt. Als er die Stiege herabkam, hörte er in der Küche sprechen und weinen; es war Cenzi, die dorten von der Bäuerin, der Mutter Sepps, Abschied nahm. Sepp trat zu der Weinenden und sprach: „Weine nicht, Cenzi, ich geh mit bir!" „Um Gotteswillen, Bub, was redest!" rief erschrocken die Mutter. „Ja, Mutter," sagte Sepp ernst, „wir müssen scheiden. Der Vater will es nicht, daß wir beide uns heiraten; aber ich kann es nicht leiden, daß Cenzi mit Schimpf und Schande vom Hose gejagt wird; darum geh ich mit." „Nein, Sepp," rief Cenzi unter Tränen, „das darfst du nicht!" „So rede doch nochmals mit dem Vater," sagte die nun gleichfalls weinende Bäuerin, „und laufe nicht so fort!" „Ich Hab' schon mit ihm geredet; er gibt nicht nach," erwiderte Sepp, „da kann ich nicht anders." „Hört das Gezeter noch nicht auf?" donnerte da auf einmal die Stimme des Bauern dazwischen. „Marsch, hinaus, Lumpenpack!" Damit schob er Sepp und Cenzi zur Haustüre hinaus und warf letzterer ihr Bündel, das sie abgesetzt hatte, auf den Hof nach. „O, Vater," jammerte die Mutter, „Vater, halt ein!" Dieser aber warf hinter den beiden die Haustür ins Schloß, daß es dröhnte. Sepp hob das Bündel auf und zog die heftig weinende Cenzi sanft mit sich fort. Eine Weile waren sie schweigend neben einander hergegangm; da blieb Cenzi plötzlich stehen, trocknete sich das tränenfeuchte Gesicht und sagte zu ihrem Begleiter: „Hör' mich an. Sieh' ich danke dir schön für die Lieb' und Treue, die du mir bewiesen hast. Aber schau, das darfst du nicht, daß du meinetwegen dein Vaterhaus, deine Eltern verlassen willst. Geh, kehr' wieder um!" „Nimmermehr, Cenzi!" unterbrach sie Sepp. „Kennst du mich so schlecht, daß du glaubst, ich wollte mein Wort brechen, daß ich dir gegeben habe?" „O nein!" erwiderte Cenzi lebhaft. „Aber schau, ich Hab' halt gedacht, du solltest bleiben, wo du hingehörst, und ich, ich wollte ja in aller Treue warten, bis dein Vater anderen Sinnes wird, oder," setzte sie leise hinzu, „bis du eine reichere und bessere als Bäuerin auf den Lenzenhof führtest." • „Cenzi, mach mich nicht zornig!" rief der Sepp aus. „Ich weiß mir keine bessere als dich, und daß du nicht reich bist, das schätz ich gering; dafür bin ich der Erbe des Lenzenhof!" „Aber wenn du dich jetzt mit deinem Vater entzweist, könnte dir dann nicht der Hof verloren gehen?" „Ach so!" lachte der Bursche bitter. „Dir ist's also weniger um mich, als um den Hof zu tun? Darum willst du mich wohl zurückschicken?" „Ach, Sepp," rief Cenzi und brach aufs neue in Tränen aus, „wie magst du nur so reden. Nur deinem eigensten Interesse rede ich zu dir, wieder heimzukehren. Bedenk, was du tun willst! Du hast noch nie das Brot fremder Leute gegessen und weißt darum nicht, wie bitter das oft ist; du bist ans Befehlen gewöhnt und sollst nun gehorchen, — da Hab ich halt gedacht, du wirst bald freiwillig das tun, was ich dich jetzt bitt': wieder umkehren." „Cenzi!" sprach Sepp, „ist das wirklich und wahrhaftig dein einziger Grund, der dich veranlaßt, mich zur Umkehr zu bewegen?" Cenzi nickte stumm. um
 
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