Illustrierter Braunauer-Kalender für das Jahr 1904 - Page 56

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Illustrierter Braunauer-Kalender für das Jahr 1904
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Kalender und Adressbuch für die Gerichtsbezirke Braunau, Mauerkirchen, Mattighofen und Wildshut.
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urn:nbn:at:AT-OOeLB-1233196
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i ;©às ei@v 1 ^ ' G ö " ”rv Auf bem Tenzenhof. Erzählung aus bem Volksleben von p. Luchs. (Nachdruck verboten.) ^ JlffinT gleichmäßigen Takt tönte das Gepolter der Dreschflegel aus der stattlichen *SE|I Scheune herüber, die sich an das behäbige Bauernhaus anschloß. Dieses war ganz nach der Art der Oberländer Bauernhäuser gebaut. Das breite Dach sprang weit über die weißgetünchten Umfassungsmauern vor; es war mit Schindeln gedeckt, welche von großen Steinen beschwert wurden. Rings um das erste Stockwerk lief ein Balkon, dessen einzelne Säulen plump geschnitzt und grün bemalt waren, und rote Läden befanden sich an den blinkenden Fenstern. Ueber der Haustür aber sah man das Bildnis des hl. Laurentius, des Namens- und Schutzpatrons des Erbauers dieses stolzen Hauses, des „Lorenz Obermeier", wie gleichfalls über der Haustür zu lesen war. Der Kürze halber nannte man ihn aber in der Umgegend „Lenz" und sein Anwesen den „Lenzenhof". Dazu gehörte natürlich noch mehr als das Haus und die Scheuer. Da stieß unmittelbar an das Wohnhaus das langgestreckte Stallgebäude, in dem eine hübsche Anzahl wohlgenährter Rinder stand, denen in einer gesonderten Abteilung zwei glänzende Rosse Gesellschaft leisten mußten. Da war auch ein Taglöhnerhaus und eine Anzahl Schuppen, und unten, am Fuße des Hügels, auf dessen Rücken sich der Bauernhof ausbreitete, dort wo die Bucherachen geräuschvoll zu Tal sprang, lag eine Schneidesäge, welche gleichfalls des Lenzen Eigentum war. Zu seinem Besitz gehörten auch die Grasmatten und Kornfelder, welche fast in nächster Räche des Hofes sich verbreiteten, gehörte der Wald, welcher den hinter dem Hause ansteigenden Hügel krönte. So lag das Anwesen etwa eine halbe Stunde über dem nahen Kirchdorf schier wie ein kleiner Herrensitz und blickte zu den Bergen hinüber, die in einer Entfernung von mehreren Stunden nach und nach zu immer mächtigerer Höhe sich auftürmten. Kein Wunder, daß der Lenz auf solchen Besitz stolz war und diesen Stolz in seiner ganzen Erscheinung bekundete. Eben trat er unter die Tür seines Hauses, gewachsen wie ein Germane, das Haupt mit dem leicht ergrauten Haar etwas nach vorn geneigt, kühn blickend aus den blauen Augen unter den buschigen Brauen. Er streckte zwei Finger in den Mund und ließ einen weithin schallenden Pfiff ertönen. Gleich darauf verstummte das Drischelgepolter und die Drescher und Drescherinnen, welche sämtlich zu dem Hausgesinde des Bauern gehörten, kamen nacheinander ins Haus, sich im Gehen den Strohstaub von den Kleidern klopfend und versammelten sich in der Stube um den großen Tisch zum Vesperbrot. Der Bauer tat, als ob er den tief herabhängenden grauen Regenwolken nachschauen wollte, welche über den Wald streiften und alle Augenblick ihren nassen Inhalt auszuschütten drohten. In Wirklichkeit aber lauschte er nach der Scheune hinüber, von welcher her lustiges Plauderm und Lachen klang. Ein finsterer Ausdruck legte sich über das Gesicht des Bauern, und langsam schritt er der Scheune zu. Da stand in der Tenne ein Bursch, etwa Mitte
 
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