Illustrierter Braunauer-Kalender für das Jahr 1904 - Page 49

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Illustrierter Braunauer-Kalender für das Jahr 1904
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Kalender und Adressbuch für die Gerichtsbezirke Braunau, Mauerkirchen, Mattighofen und Wildshut.
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49
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45 (Arabian)
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urn:nbn:at:AT-OOeLB-1233124
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45 Leinläufer! Das heißt in Sonnenbrand und Regen die Brust wider ein handbreites Ledergut stemmen, das kein volles Atemholen gestat!et und die keuchende Brust blutrünstig schindet; das heißt, mit tief zur Erde gebeugtem Oberkörper im Schneckengang wieder und wieder den gleichen Weg ziehen, bis man jeden Stein auf den Leinpfad kennt und an ihnen den zurückgelegten Weg zu schätzen vermag; das heißt zu wissen, daß der Himmel blaut, und nicht aufschauen zu können, den Schlag der Nachtigall aus einer rosendurchdufteten Schlucht zu hören und nicht anhalten zu dürfen und all' dies will Karl Dönhoff auf sich nehmen, um der Frau seines Bruders stets hülfreich nahe zu sein, die vielleicht sein Opfer noch nicht einmal ahnt, während der Bruder über die Dummheit des Jüngeren spottet, die er nicht begreift, und von der er nur weiß, daß sie dauern wird, so lange Karl's Kräfte ausreichen. Jahr um Jahr bleibt dieser Leinläufer; sein Rücken krümmt sich, die Schultern werden schief und die Beine drücken sich in den Knieen hohl nach hinten durch; Wind und Wetter bleichen das Haar und färben die eingefallenen Wangen erdbraun. Aber Heinrich hat Stina nie mehr geschlagen; das hat er durchgesetzt, er hat gelernt, des Bruders Branntweinlaune auf sich abzulenken. Und wenn er Abends auf seinem Strohsack liegt, in dem dunklen sargähnlichen Verschlag im hinteren Schiff, während sein Genosse neben ihm schnarcht, die Kälte durch die Ritzen schleicht und vom Wirtshaus am Ufer, wo Bruder und Schwägerin sich ergötzen, Lärm und Musik herübertönt, dann fühlt er sich so froh und leicht, und blickt in frommen Gedanken zu den ewigen Sternen, die durch die Astlöcher im Dache in sein finsteres Verließ strahlen. I Sein Leben ist nicht freudenlos. Des Bruders Kind, das Einzige, ein aufgeweckter,'hübscher Knabe, hat sein reines weiches Herzchen dem Onkel geöffnet, bei dem er die aufrichtige Liebe findet, welche ihm seine Eltern nicht gewähren können. Das sind Feierstunden für den Einsamen, wenn er den Keim der göttlichen Lehren in die Kindesseele legen kann, wo er zu duftenden Blüten entsprießt. Tagsüber, während des harten Frohndienstes, legt er sich die Gedanken für die abendlichen Lehrstunden zurecht, während der andere Leinläufer die leichtfertigen Lieder vor sich hinsummt, die er an Rasttagen in den Schifferkneipen vernahm. Heinrich gibt sich den Anschein, als ob er den Verkehr zwischen Karl und seinem Sohne nicht merkte, und Stina sieht ihn nicht ungern. Die Zeit vergeht; der kleine Heinrich kommt in's achte Jahr. Karl ist fast ein Greis; sein Bruder ist beleibt geworden, hat ein mächtiges Doppelkinn und strotzt vor Gesundheit. Seine Frau ist im vorigen Winter gestorben, während er bei Franz Schütte zu Besuch weilte. Ganz still und ohne Kampf ist Stina von der Welt geschieden. Karl und ihr Sohn weilten allein an ihrem Sterbelager, denn Tante Traudchen hatte schon vor mehreren Jahren die große Reise von ihrem Hof in die Ewigkeit angetreten. „Karl," hatte Stina gelispelt, als schon der Todesschweiß auf ihrer runzlichen Stirn stand, „ich weiß, was Du für mich getan hast." „Denk' nicht dran, spricht nicht davon," hatte er rot vor Beschämung erwidert. „Mein Kind, mein Junge, Du wirst ihn nicht verlassen, wenn ich todt bin, Karl." „Nein, beteuerte er mit fester Stimme, so wahr mir Gott helfe." Dann war sie ganz ruhig geworden und betend entschlafen. Karl vergoß keine Träne; sein Schmerz war rein und geläutert. In der Folgezeit hatte er sich noch enger an seinen Neffen angeschlossen, der ein frommes und gutes Kind blieb, trotzdem er nach Stina's Tode dem schlechten Einfluß seines Vaters mehr als füher ausgesetzt war. —
 
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