Illustrierter Braunauer-Kalender für das Jahr 1904 - Page 40

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Illustrierter Braunauer-Kalender für das Jahr 1904
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Kalender und Adressbuch für die Gerichtsbezirke Braunau, Mauerkirchen, Mattighofen und Wildshut.
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36 (Arabian)
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urn:nbn:at:AT-OOeLB-1233031
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¦ 36 Karl weinte noch immer; er war untröstlich. Sie mußten wacker ausschreiten, wenn sie Dönhoff's Kotten, ihre Heimat, noch vor Einbruch der völligen Dunkelheit erreichen wollten. 2. Am folgenden Morgen blies der Wind ganz frisch um den hochgelegenen Kotten, den die Dönhoff's seit mehreren Menschenaltern im Besitz hatten. Es war ein Umschlag in- der Witterung eingetreten, der in dieser Gegend nicht zu den Seltenheiten gehört. Der Himmel war trüb umzogen, und von Norden kamen die stinkenden gelblichen Nebel des Höhenrauchs, der beim Abbrennen der großen Moorflächen in den Emsniederungen entsteht. Die beiden Brüder standen am Fenster in der niedrigen Küche und schauten unverwandt auf den steilen steinigen Weg, der von Baldeney den buschigen Hang heraufkletterte. Wenn das Höchamt zu Ende wäre, würden gewiß die Verwandten kommen, um ihr Vaterunser an der Leiche zu sprechen und ihre Neugier zu befriedigen. In der fliegendurchsummten Kammer lag die Leiche des alten Dönhoff aufgebahrt. Das Gesicht war sehr entstellt und schwarzgebrannt. Erst gegen Morgen war es gelungen, den Tobten aus dem Stollen zu schaffen. So lange hatte es gedauert, bis sich die giftigen Nachschwaden verzogen hatten. Zu Häupten des Sarges brannte die geweihte Kerze, umgeben von Büschen blühenden Heidekrauts die in buckelbesetzten Biergläsern standen. An's Fußende hatte man auf einen Binsenstuhl eine irdene Schale mit Weihwasser gestellt, in der ein Palmwedel lag. Im Stall, der durch eine breite, unverschließbare Oeffnung mit der Küche in Verbindung stand, brummten die beiden Kühe, um die Anton, der Knecht, beschäftigt war. Am rußigen Steinherd hantierte die Magd mit Pfannen und Tiegeln; die Tränen kugelten ihr in den goldgelben Teig, den sie in die Geschirre verteilte und mit dicken Wurstscheiben bestreute; die Besucher, welche erwartet wurden, würden ihr Mitleid nicht ohne Gegenleistung aussprechen. Inzwischen tauchten bewegte und emsig gestikulierende Gruppen aus der Morgentrübung und näherten sich dem Kotten. Das Brüderpaar trat unter die Tür, um die Ankömmlinge nach Gebühr zu empfangen. Die ganze Verwandtschaft aus der Nähe fand sich allmählich ein, zwei bejahrte Brüder des Verstorbenen aus Fischlaken jenseits der Ruhr, arbeits- und altersgebeugte Berginvaliden mit ihren Frauen, derben Gestalten mit scharfen Zügen, dann eine ganz weitläufige Verwandte, die allgemein „Tante Traudchen" genannt wurde und mancherlei Ehrungen empfing, weil sie etwas Vermögen besaß; sie kam in Gesellschaft ihrer Tochter, eines kräftigen rotwangigen Mädchens mit blondem Haar und blauen Augen. Zuletzt kam festen stämmigen Schrittes der einzige Schwager des Verstorbenen, der Schiffer Franz Schütte aus Mühlheim, der drei Kohlenkähne auf der Ruhr besaß und Tante Traudchen mit Erfolg den Rang streitig machte. Alle diese Menschen gingen sofort in die Kammer, weinten am Lager des Todten, beteten eine Weile und setzten sich dann, nachdem sie zum Schluß die Leiche mit Weihwasser besprengt hatten, um den Eichentisch inmitten der Küche, aßen Anna's Kuchen, tranken Kaffee und Branntwein dazu und lobten die Tugenden und Vorzüge des Verstorbenen, bis Tante Traudchen das Zeichen gab, die Unterhaltung auf ein anderes Gebiet zu übertragen. „Dir gehört nun der Kotten, Heinrich," rief sie laut über den Tisch herüber. „Weiß ich, Tante," gab er zu und lächelte selbstbewußt. „Jetzt bin ich mein eigener Herr."
 
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